Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart schrieb die Oper „La clemenza di Tito“ in seinem letzten Lebensjahr 1791 angeblich in 18 Tagen. Darin kommen zwar enttäuschte Liebe, Verrat, Rache und Mord vor, darum geht es aber eigentlich gar nicht:
Die böhmischen Landstände bestellten bei Mozart für die Krönung Leopolds II zum böhmischen König eine Oper über den guten römischen Kaiser Titus (79-81), der den Mörder seines Doppelgängers begnadigt. - Leopold hatte in der Toskana 1786 als „Weltpremiere“ Todesstrafe und Folter abgeschafft und setzte sich für ständische Selbstverwaltung, Bauernbefreiung, religiöse Toleranz, Gewerbefreiheit und Abschaffung der Zensur ein. Die Böhmen erhofften sich, dass er als Kaiser den Reformkurs seines verstorbenen Bruders Joseph etwas pragmatischer, mit mehr Milde, fortsetzen würde. Mozart versprach sich dagegen Milderung seiner Schulden und hoffte auf eine Festanstellung in Wien.
Natürlich musste es eine Opera seria, eine ernste Oper sein, eine Form, die eigentlich nicht mehr in Mode war. In der Ouvertüre kam das Mozart sehr entgegen, da er sich in den letzten Jahren vermehrt mit traditionellen Formen, z.B. der Musik von Johann Sebastian Bach, beschäftigt hatte. Von ihm hatte er gelernt, wie man komplexe Satztechnik mit emotionaler Tiefe verbindet.
Die Utopie des aufgeklärten, milden Herrschers erfüllte sich im wirklichen Leben leider nicht. Alles zu schön, um wahr zu sein!
Näher an der damaligen Realität sind Mozarts Opern „Figaros Hochzeit“ (1786) und „Don Giovanni“ (1787). Beide Libretti (Textbücher) wurden von Lorenzo da Ponte verfasst. Dessen guter Freund Giacomo Casanova war wahrscheinlich bei der Uraufführung in Prag anwesend.
Im „Figaro“ geht es um Kritik an den überlebten Konventionen des Adels, dem höfischen Erotik-Kodex u.a. mit dem „Recht der ersten Nacht“. Die Untergebenen proben dagegen einen listigen Aufstand und pochen auf eigenen, echten Gefühlen. Das ist wirklich revolutionär! - In der Arie des Cherubino erlebt ein junger Mann - gesungen von einer Frau - zum ersten Mal die Verwirrung dieser Gefühle und möchte von den erfahrenen Frauen lernen, was Liebe eigentlich ist.
Das Theaterstück von Beaumarchais, auf dem der Figaro beruht, wurde von Ludwig XVI verboten. Auch Kaiser Joseph II war entsetzt und verbot dem Wiener Theaterchef Schikaneder die Aufführung. Mozart war aber begeistert von den Figuren des Volkes. Er fand sie „fein und witzig, scharf und spitzig“. Da Ponte erreichte dann mit einigen Änderungen beim Kaiser die Aufhebung des Verbots.
In der Affäre Don Giovannis mit Zerlina geht es auch um Verwirrung, aber hinterhältiger als bei Cherubino. Der notorische Verführer lädt die junge Braut samt Hochzeitsgesellschaft auf sein Schloss ein: „Dort geben wir uns die Hand und du sagst Ja“. Er gaukelt ihr einen märchenhaften sozialen Aufstieg mit Gleichberechtigung vor und stellt damit ihre ganze Welt auf den Kopf. Sie ist ganz durcheinander: „Ich möchte und möchte nicht“. Mozart unterlegt beiden die gleiche einschmeichelnde Musik. Gerettet wird Zerlina nur durch das Eingreifen einer früheren, betrogenen Geliebten Don Giovannis. - Erschreckend, dass so ein eher primitives Missbrauchs-Muster heute immer noch nicht aus der Mode zu sein scheint.

