Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104

Von Liebe zum Violoncello, einem Instrument, das „oben kreischt und unten brummt“, konnte bei Antonín Dvorák nicht von Anfang an die Rede sein. Das änderte sich durch zwei Ereignisse: zuerst durch die Freundschaft mit Hanuš Wihan, dem Cellisten des Böhmischen Quartettes, mit dem er 1892 eine Abschiedstournee durch seine Heimat machte. Der eigentliche Auslöser war aber die Begegnung mit dem neuartigen 2. Cellokonzert eines Kollegen am New Yorker Konservatorium: Victor Herbert war ein hervorragender Cellist, Broadway-Komponist und Dirigent. Dvorák war von seiner hochemotionalen Art, das Cello zu behandeln, so fasziniert, dass er sich sofort selbst ans Werk machte. Brahms wiederum war von Dvoráks Konzert hingerissen und bemerkte: „Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es gewusst, hätte ich schon vor langer Zeit eines geschrieben.“

Dvoráks Konzert, 1895 in London uraufgeführt, ist eigentlich eine Sinfonie mit Solo-Cello. Der Solopart ist höchst anspruchsvoll, aber die Technik nie Selbstzweck. Dabei ist die Solostimme so kunstvoll mit dem Orchester verflochten, dass stets alles zu hören ist, aber nichts sich in den Vordergrund drängt. Dvorák befasste sich zu der Zeit gerade damit, einige seiner Opern nach dem Vorbild Wagners neu zu instrumentieren. Auch das hört man im Cellokonzert.

Die Tonart h-Moll wird seit der Barockzeit mit Schmerz, Klage und Tod in Verbindung gebracht. Dvoráks Werk bleibt nicht in der „Grabestonart“, sondern endet im mit fünf Kreuzen im Quintenzirkel extrem weit aufsteigenden, hellen und tröstlichen H-Dur.

Im ersten Satz werden in einer langen Orchestereinleitung, die ganz leise beginnt, wie seit der Wiener Klassik üblich, zwei kontrastierende Themen vorgestellt. Das erste Thema, zuerst gesanglich gebunden, steigert sich erst langsam zu seiner energisch-heroischen Form. Das lyrische zweite Thema wird vom Horn vorgesungen, erst nach ein paar lustigen Tanztakten setzt schließlich das Cello mit dem Fanfarenthema ein. Nun werden „quasi improvisando“ alle Facetten der beiden Themen in eng verzahntem Dialog mit dem Orchester ausgeschöpft.

Auch der zweite Satz beginnt seinen lieblichen Klagegesang leise. Zahlreiche Seufzermotive wechseln mit harten Fortissimoschlägen ab. Dann folgt in der Flöte ein Zitat aus Dvoráks Liedern op. 82 „Lasst mich allein! Verscheucht den Frieden nicht in meiner Brust mit euren lauten Worten“ ... „Fragt nach dem Zauber nicht, der mich erfüllt. Ihr könnt die Seeligkeit ja doch nicht fassen.“ Das war das Lieblingslied seiner Schwägerin Josefina, deren Todesnachricht ihn während der Arbeit am Konzert erreichte.

Im Mittelteil sehnt sich Dvorák im fremden Amerika nach Böhmens Hain und Flur. Wir hören die Hörner, den Wald und die jubilierende Lerche. Aber es ist eine vergangene Idylle, der Tod spielt mit leise gezupften Quinten zum Tanz auf, das Solocello schwingt sich mit ätherischen Flageolettklängen in höhere Sphären auf.
Das Lied schließt mit den Worten: „Lasst mich allein in meinen Träumen steh’n; Er liebt mich ja! Lasst mir den tiefen Frieden, der dieses Wort mir gab, von dem geschieden, die Seele müsst in Sehnsucht untergehn.“

Auch der Schlusssatz schwankt zwischen energischem Aufbruch und Sehnsucht nach vergangenem Glück. Mit einem typisch böhmischen Thema in der Solovioline führt Dvorák uns in die Sphäre des sieghaften H-Dur, das sich immer mehr beruhigt und weiter aufsteigt, bis mit dem himmlischen Zapfenstreich der gedämpften Trompeten die ewige Seligkeit erreicht ist. Zu Gustav Mahlers „Himmlischen Freuden“ ist es da nicht mehr weit. Sicher kein Zufall, denn Mahler führte in Wien zahlreiche Spätwerke Dvoráks auf. Hanuš Wihan, dem das Konzert gewidmet ist, wollte in dieses nach emotionalen Erfordernissen durchkomponierte Finale eine Solokadenz einfügen. Dvorák zerstritt sich darüber mit ihm und so wurde die Uraufführung 1896 in London von Leo Stern gespielt. Dvorák schrieb an Wihan: „Das Finale schließt allmählich diminuendo wie ein Hauch – mit Reminiszenzen an den ersten und den zweiten Satz, das Solo klingt bis zum pianissimo aus – dann ein Anschwellen – und die letzten Takte übernimmt das Orchester und schließt in stürmischem Ton. Das war so meine Idee und von der kann ich nicht ablassen.“

Antonín Dvorák, geb. 1841 in der Nähe von Prag an der Moldau als Sohn eines Gastwirts und Metzgers, lerntefrüh Violine spielen und bekam Klavier-, Orgel- und Deutschunterricht als Vorbereitung auf die Prager Orgelschule. Die verließ er 1859 als Zweitbester, eine Organistenstelle war aber nicht in Sicht. So schlug er sich als Bratschist durch. Er spielte in „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ von Wagner mit und konnte berühmte Musiker wie Liszt, Bülow und Clara Schumann hören. Mit dem Unterhaltungsorchester von Karel Komzák kam er ins neugegründete tschechisch-sprachige „Interimstheater“. So spielte er bei der Uraufführung der „Verkauften Braut“ unter Smetanas Leitung die Solobratsche (Es gab nur 2 Spieler.).

Nebenbei gab er Klavierunterricht. Dabei verliebte er sich in die 16jährige Josefina Cˇermákova, die ihm jedoch einen anderen vorzog. 1873 heiratete Dvorák ihre jüngere Schwester Anna. Offensichtlich eine gute Entscheidung, denn die beiden standen miteinander schwere Zeiten durch. Drei ihrer Kinder starben innerhalb kurzer Zeit. Die große Familie mit immer noch 6 Kindern war ständig in Geldnot. Das besserte sich erst, als Dvorák mit dem Einreichen seiner 3. Sinfonie in Wien 1874 ein dreijähriges Staatsstipendium erhielt. In der Jury saß Johannes Brahms, der ihn dem Verleger Simrock empfahl und der ihn später auch großzügig mit privatem Geld unterstützte.

Nächster Probentermin

    01 Sep 2018

    Probe 15:00 - 18:00

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